Geschichten und Gschichtla aus der Heimat

Niedrigwasser

Hilmar Sommermann

„Es Wasser werd kla, mir kenna wejider fischn!“

Der Schrei meines achtjährigen Bruders war nicht zu überhören, er hatte das sinkende Wasser der Selbitz bemerkt. Mit alten Schuhen an den Füssen stiegen wir in das nur wenige Zentimeter hohe Wasser. Am Ufer und an Steinen hatten sich kleine Tümpel gebildet. Dort versteckten sich die Fische, wenn der Wasserspiegel sank.

Unsere Methode:

Langsam, mit einer Hand sich dem Kopf, mit der anderen dem Schwanz nähern – dann rasch zupacken. Nur wenige entkamen, war ja auch kaum Wasser da. Und wir waren wählerisch geworden: Nur die schmackhaften Rotaugen kamen in den Eimer. Die anderen Weißfische waren voller heimtückischer winziger Gräten. Diese beim Essen zu entfernen war mühsam und ärgerlich. So überließen wir sie lieber dem Hecht. Aber einen Flusskrebs nahmen wir mit.

Der schmeckte!

Den warf die Mutter später lebend in kochendes Wasser. Nach wenigen Minuten war der krebsrot und gar. Und schmeckte. Nein, die Fische haben wir nicht geklaut! Das Fischwasser gehörte unserem Vater. Der aber war noch in Kriegsgefangenschaft. Das war im Sommer 1945.

Niedrigwasser?

Ein einstiges Hammerwerk oberhalb unseres Dorfes hatte sein Wehr wieder aktiviert. War genug Wasser angestaut, wurde mittels einer Turbine Strom erzeugt. Der wurde gebraucht. Überall sah man jetzt Zeichen eines Neubeginns. Während des Stauvorganges aber war bei uns „klas Wasser“, wie mein Bruder sagte. Für die Fische war das wenige Wasser im Flussbett Stress, für uns aber waren sie eine leichte Beute und eine wertvolle Nahrung in der Nachkriegszeit.

Ein gefährlicher Fund!

Ach ja. Einmal fanden wir unter einer Brücke Munitionsketten. Wohl von zurückweichenden deutschen Soldaten entsorgt. Dass das Zeug gefährlich sei, ahnten wir, wollten es aber genauer wissen. So holten wir eine Kette heraus, schleppten sie in einen halb zerschossenen Güterwagen der in der Nähe auf einem Nebengleis stand, hebelten die Projektile ab, schütteten das körnige Pulver auf einen Haufen, warfen ein brennendes Streichholz hinein. Die Stichflamme war gewaltig. Unser Erschrecken auch.

Später hörten wir, dass andere Kinder sich schwer verletzten, wenn sie mit gefundener Munition spielten und diese explodierte. Da überkam mich eine Ahnung von Bewahrung und Schutzengel. Hatten wir da nicht etwas in der Sonntagsschule gehört? Aber die Geschichte habe ich ja schon erzählt.

 (von )