Geschichten und Gschichtla aus der Heimat

Mist!

Hilmar Sommermann

Wirtschaftswunder

Als im Juni 1948 die Währungsreform kam und die Reichsmark durch die Deutsche Mark ersetzt wurde, begann in Deutschland das so genannte Wirtschaftswunder. Immer mehr Menschen kamen in Lohn und Brot, die Landwirtschaft aber verlor Knechte und Mägde.

Neue Möglichkeiten

Doch die Bauern konnten sich jetzt einen Traktor anschaffen. Mit angebautem Mäher, Frontlader und Zapfwelle konnte der Landwirt auch viel allein machen. Die Industrie tat alles, um den Bauern die Arbeit zu erleichtern. Man konnte schon mal den Satz hören: „Der Hans blebbt den ganzen Douch auf sei Traktor, der tut kaan Schritt mehr auf sei Feld“. Bald kamen auch Mähbinder auf den Markt. Die schnitten das Getreide und banden es in Bündeln, Garben genannt. Drei bis vier solcher Garben wurden zu Poppen aufgestellt. War das Korn trocken, wurden die Garben in den Scheunen gelagert. Dort stand auch die Dreschmaschine. Aber gedroschen wurde erst im Winter. Das ausgedroschene Getreide wurde Stroh.

Der Misthaufen

Stroh wurde damals noch den Kühen im Stall gestreut. Auf natürliche Weise verwandelt es sich dort in Mist. Der musste täglich raus und wurde mit der Mistkarre auf den Misthaufen gefahren. Und dann? Kuhmist ist guter Dünger. Nach der Ernte wird er aufs Feld gebracht und eingepflügt. Vorher aber muss er mit einer Gabel gleichmäßig verteilt werden. Hab das mal bei einem befreundeten Landwirt probiert. Ist schon anstrengend.

Nun aber die Geschichte:

Mein Landwirt hat sich einen mechanischen Miststreuer angeschafft. Mit einem Handgriff kann er das Gerät vom Traktor aus aktivieren, muss dazu nicht mal absteigen. Fährt er dann los, verstreut eine Kettenwalze den Mist gleichmäßig und breit auf dem Acker.

Aber jetzt kommts:

Mit dem Frontlader seines Traktors hat der Landwirt seinen Miststreuer beladen. Dunkle Wolken künden Regen an. Da will er noch schnell den Mist aufs Feld bringen und fährt los. Dreht sich nicht mehr um. Bemerkt nicht, dass der Streuer schon zugeschaltet ist! Und dieser leistet sofort ganze Arbeit. Nachbarn sehen das, gestikulieren, schreien, doch der Bauer versteht die Gesten falsch: Schreit zurück: „Hou ka Zeit, hou ka Zeit“, fährt weiter, kommt aufs Feld, greift nach dem Hebel – Mist! Der Wagen ist leer, die ganze Ladung liegt breit verstreut auf und neben dem Feldweg.

Vom Winde verweht

Jeder, der das sah und roch, wusste, was da passiert ist. Der Landwirt hatte seinen Spott weg. Mir tat er leid. Der Mist war lange zu sehen. Irgendwann wurde er vom Wind verweht.

 (von )