Geschichten und Gschichtla aus der Heimat

Holz holen

Hilmar Sommermann

„Kommt, zieht eijere festen Schuh o, wir missen ins Holz“ Die Mutter ruft ihre drei Kinder. „Schickt eich, es kennt nuch renga!“ sagt sie noch und holt den Handwagen aus der Hütte.

Bald stehen wir im Wald und sammeln herabgefallene kleine Äste. Der Waldboden war wie leergefegt. Klar, andere brauchten auch Brennmaterial. Das war 1945. Der Krieg war vorbei.

Kommen zwei junge Männer des Weges, mit Tornister, noch in der Uniform deutscher Soldaten. „Sie müssen wohl auch nachts laufen?“, versucht die Mutter ein Gespräch mit ihnen. „Die Nacht ist zum Schlafen da“ brummt einer im Weitergehen. Das war nicht selten damals, dass man auf versprengte Soldaten traf. Die deutsche Armee hatte sich aufgelöst, dabei gelang offenbar nicht wenigen die Flucht vor der Gefangenname.

Auf dem Heimweg, als wir aus dem Wald treten, sehen wir die beiden unten am Bahndamm entlanglaufen, auf die Eisenbahnbrücke zu. Da, ein amerikanischer Jeep! Die Mutter entsetzt: „Wenn di Amis die deitschen Soldaten seijng, wern sa gfanga“. Ängstlich bleiben wir stehen. Meine Schwester schreit auf, schlägt sich die Hände vors Gesicht. Der Jeep unterquert die Brücke. Jetzt! Da lassen sich die Soldaten blitzschnell fallen. Der Jeep fährt weiter! Als er um eine Kurve biegt, klettern die beiden am Bahndamm hoch, rennen gebückt die Brücke, verschwinden hinter einem Gebüsch. „Gott sei Lob und Dank“ sagt aufatmend die Mutter.

Ach ja, da war doch noch etwas: Eines Abends stürzt meine Schwester in die Küche und sagt. „Mutter, dou draussn stenge fremme Leit“. Mutter geht hinaus. Drei Männer stehen dort und fragen, ob sie die Nacht hierbleiben können. Die Mutter zögert, aber sie sagen „wir kommen aus Thüringen und sind auf der Flucht“. Nun handelt die Mutter sofort, macht das Kanapee frei, die Couch in der Küche. Die Männer kommen herein. Einer wirft seinen Rucksack auf den Küchenboden, kriecht unter den Tisch und ist gleich darauf eingeschlafen. Was war passiert? Die Alliierten hatten Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Thüringen fiel an die Sowjetunion. Da zogen es manche vor, lieber nach Bayern zu flüchten, das von den Amerikanern besetzt war. Als wir am nächsten Morgen die Küche betraten, waren die Flüchtenden schon wieder fort. Mutter hatte ihnen einen Bissen Brot und etwas Milch gegeben. Sie hätten sich bedankt aber nicht viel geredet, sagte sie.

Später fand ich auf einer Wanderkarte die Thüringische Muschwitz, die bei Blankenstein in die Selbitz mündet. Der Bach war die Grenze. Da haben sie wohl rüber gemacht. Bald darauf entstand dort der „Eiserne Vorhang.“

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