Geschichten und Gschichtla aus der Heimat

Die vertriebenen Mädchen

Hilmar Sommermann

Alle suchen eine Unterkunft

In den letzten Kriegsmonaten sind viele Flüchtlinge gekommen. Nach dem Krieg aber ziehen immer noch Pferdegespanne durch unser Dorf. Man sagt uns, das sind Vertriebene, keine Flüchtlinge! Wegen politischer Grenzverschiebungen im Osten mussten sie Haus und Hof verlassen. Sahen sich selbst als Heimatvertriebene. Hofften auf baldige Rückkehr. Doch zunächst mussten auch sie untergebracht werden. Ich erinnere mich, dass einmal Männer kamen, die freie Zimmer suchten. Mutter führte sie durchs Haus. Als sie sahen, dass ihre drei 8 bis 12 Jahre alten Kinder zusammen in einer kleinen Dachkammer schlafen, gingen sie wieder.

Wohin mit all den obdachlos gewordenen Menschen?

Zurück ins Jahr 1944. Auf dem Küchenschrank steht der Volksempfänger. Auf behördliche Anordnung muss in jeder Wohnung ein solches Radio stehen. Mich interessiert, was draußen passiert. Vom Krieg und Sieg ist die Rede. Warum aber höre ich immer öfter von Gefallenen und Verwundeten? Warum wird die Front immer weiter zurückverlegt? Und dann ständig die Meldung: „Feindliche Bomberverbände im Anflug!“ Dann höre ich, dass die Bewohner der angeflogenen Städte aufgefordert werden, unverzüglich mit dem ständig bereitstehenden Notgepäck in die Luftschutzbunker zu gehen. Doch was, wenn nach dem Angriff ihre Häuser und Wohnungen in Trümmern liegen? Offiziell sind sie jetzt Ausgebombte. Werden im Umland verteilt.

Neue Mitschülerinnen

So kommen in unsere Dorfschule eines Tages drei Mädchen aus Hamburg. Ausgebombte eben. Sie irritieren uns. Wenn der Lehrer etwas fragt, fliegen immer deren Finger in die Höhe. Wir melden uns schon nicht mehr. Die Mädchen reden schnell, wir verstehen sie kaum. Sie beachten uns auch nicht.

Ein ergreifendes Erlebnis

Doch eines Tages, die Pause ist zu Ende, wir stürzen lärmend ins Klassenzimmer, da stehen die drei in der Ecke und singen. Erschrocken werden wir still. „Wo die Bomben rauschen in dem Sturmgebraus, da ist meine Heimat, da bin ich zu Haus“. Sie singen ergreifend schön.

Dieses Erlebnis bewegt mich noch heute. Mir, einem auf den Glauben an den „Endsieg“ getrimmten zehnjährigen Pimpfen, wurde damals wohl zum ersten Mal bewusst, was das bedeutet, wenn Bomben Tod und Verderben bringen. Später erfuhr ich, dass die Mädchen das bekannte Friesenlied von den Nordseewellen gesungen haben. Den Vers „Wo die Möwen kreischen schrill im Sturmgebraus“ hatten sie umgewandelt.

Ach ja. Als alles vorbei war und die Schulen ihren Betrieb wieder aufnahmen, waren die Hamburger Mädchen nicht mehr da.

 

 

 

 (von )