Geschichten und Gschichtla aus der Heimat

Die Nachtwanderung

Die Nachtwanderung

Hilmar Sommermann

„Wu gemmer denn heit hie?“ fragt die Ilse. „No, ich hou gedacht, mir genga mal ins Froschbachtal bis zur Quelle nauf“, schlägt der Heinz vor und zeigt seine Wanderkarte. Wir, das war eine Jugendgruppe aus einem Frankenwalddorf, die sich nach dem Gottesdienst vor der Kirche traf. Das war 1957. Ein sonniger Oktobertag lag vor uns, und so zogen wir nach dem Mittagessen los. Der Weg ging am murmelnden Bach entlang, an Wiesen und Feldern vorbei und führte uns dann in das kleine Tal der Quelle des Baches entgegen. Die Quelle fanden wir nicht. Dafür lockte ein schmuckes Waldgasthaus und einige meinten, es wäre doch Zeit für eine Rast.

Die Rast dehnte sich. Denn einer aus der Gruppe fragte, ob es denn wieder einen Gemeindeabend geben solle mit Laienspiel und so, wie letztes Jahr. Der sei doch so gut gewesen und hätte den Leuten gefallen. Nun gab es Gesprächsstoff. Erinnerungen, Kritik und erste Planungen. Die Zeit verging.

Die Sonne stand schon bedenklich tief, als wir endlich aufbrachen. „Mir kürzn ab und nemma den Weg durch‘n Spiegelwald“ so der HeinzeinzHein. Doch als wir am Waldrand ankamen, dämmerte es schon. Zurückgehen? Nein. Wir kommen da schon durch, da waren wir uns einig. Aber die hereinbrechende Dunkelheit überraschte uns dann doch. Die hohen Fichten links und rechts ließen den schmalen Weg nicht mehr erkennen. Es war Neumond und an eine Taschenlampe hatte niemand gedacht. Mehr tastend als laufend gingen wir weiter. Die Mädels hakten sich paarweise unter und gingen voran, die Jungs hinterher. Lachen und Scherzen verging. Wir wurden still.

Doch irgendwann schaute jemand nach oben und sah einen schmalen hellen Streifen. Der Sternenhimmel! Wir blieben überrascht stehen und merkten, dass wir beim Hinaufschauen die Krümmungen des Weges erkennen und uns so orientieren könnten. So gingen wir, immer wieder zum Himmel blickend, erleichtert weiter. Dann wurde der Weg auch breiter, der Wald weitete sich und dann grüßten auch schon vom Tal herauf die Lichter unseres Dorfes. Als wir uns verabschiedeten, meinte Heinz: „Des war doch a echte Nachtwanderung!“ „Ja, und der Himmel hat uns den Weg gezeigt“ sagte Ilse.

Übrigens: Der Gemeindeabend kam zustande. An einem Adventssonntag des gleichen Jahres

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